Hochsensibilität – Fluch, Segen oder irgendwas dazwischen?

Deine Schwächen zu zeigen, heisst dich verletzbar zu machen. Dich verletzbar zu machen, heisst deine Stärke zu zeigen. (Criss Jami)

Ich hab schon immer anders getickt als andere.
Als Kind verbrachte ich am liebsten stundenlang in meinem Zimmer, träumte vor mich hin und mein Kopf sprudelte nur über vor Ideen und Pläne. Meine Lehrerin bezeichnete mich immer als überehrgeizig. Ich steigerte mich richtig gehend rein, wollte Projekte in der Schule immer perfekt abschließen. Solange ich das nicht geschafft habe war ich unruhig und meine Gedanken schwirrten nur um die offenen ToDos. Ich brauchte immer meine Routine: am besten Mo das, Di das und Mi das. War es einmal anders wurde ich nervös. Karusell im Kopf.
Für andere oft unhörbare Geräusche wie ein lauteres Atmen, lauteres Essen warfen mich komplett aus der Bahn, so sehr dass ich mich nicht mehr richtig konzentrieren konnte. Karusell im Kopf. Ein kleiner Streit mit meinen Eltern, Freundinnen waren für mich ein Weltuntergang. Emotionale Hoch und Tiefs brachten mich fast täglich zur Verzweiflung.

Aber nicht nur meine Hoch und Tiefs, sondern auch die meiner Mitmenschen. In einem Raum mit 10 Menschen, spüre ich 10 verschiedene Emotionen. Intuitiv spüre ich wem es nicht gut geht und wer gut drauf ist. Ich nehme alle Stimmungen wahr, das Unwohlsein anderer belastet mich teilweise immens. Ich leide richtig mit. Egal ob bei einer Freundin, einer Fremden oder nur einer Freundin von einer Freundin – Mitleid ist wohl meine größte Leidenschaft. Hingegen übertragen sich auch positive Emotionen enorm auf mich. Demnach war ich schon ungefähr 100 mal schwanger, verheiratet oder sonst was, weil ich mich immer so mitfreue.

Ich bin eine sehr gute Zuhörerin- so gut, dass ich mich direkt in mein Gegenüber hineinversetzen konnte. Die Probleme anderer beschäftigen mich dann oft tagelang- ich kann nur schwer abschalten. So sehr mir andere vertrauen, Kontakt zu mir suchen- Ich schütte nur ganz selten jemanden mein Herz aus und tu mir unheimlich schwer Vertrauen, Freundschaften und Beziehungen aufzubauen.

Als Mädchen konnte ich diese Gefühle nicht zuordnen- von meinem direkten Umfeld hörte ich immer nur du übertreibst, stell dich nicht so an. Ich stieß auf Unverständnis. Je älter ich wurde – desto mehr beschäftigte ich mich mit mir selber. Und stellte mir die Frage- bin ich normal?
Die Wende kam kurz nach einem schlimmen Autounfall mit 18, bei dem ich fast ums Leben gekommen wäre. Um diesen Unfall zu verarbeiten, begann ich eine Gesprächstherapie wurde ich zum ersten Mal mit dem Begriff Hochsensibilität konfrontiert. Ab dem Zeitpunkt wusste ich – ja ich bin normal , doch ich habe eine stärkere Sinneswahrnehmung wie manche meiner Mitmenschen.

 

Hochsensibilität -kurz auch HSP-ist keine Krankheit sondern ein Wesenszug. Ein Wesenzug, der wunderschön sein kann, wenn man gelernt hat damit umzugehen.

Hochsensible Menschen empfinden anders. Sie empfinden sensibler, nehmen Geräusche und Gerüche intensiver auf , haben ein enormes zwischenmenschliches Gespür und sind schneller reizüberflutet. Nicht alle Punkte müssen auf jeden der rund 15 – 20 % hochsensibler Menschen zu treffen, oft ist es auch nur 1 Punkt.
Ich darf mich zu den glücklichen Menschen zählen, auf den alle Punkte zu treffen.

Hochsensibiltät kann nicht behandelt werden- man kann nur lernen damit umzugehen.
Wenn man es gelernt hat, ist man dazu in der Lage ein wunderschönes Leben zu führen, bedinglos zu lieben und eine übernormale Kreativität auszuleben.

Mit diesem Artikel möchte ich meine Reichweite nutzen und über ein Thema schreiben, dass teilweise noch als NO GO angesehen wird. Klar, denn in unsere schnelllebige oberflächliche Gesellschaft passen keine Emotionen. Oft wird es als Einbildung deklariert – doch es ist messbar.

 

Lerne dich so zu akzeptieren wie du bist:
Lange hatte ich das Gefühl im falschen Körper geboren zu sein. Ich wollte einfach „normal“ sein. Ich wollte die Emotionen anderer gar nicht mehr spüren und schämte mich oft sogar wegen meiner emotionalen SChwäche. Doch ich habe gelernt mich selbst zu lieben, auf meinen Körper zu hören und meine Grenzen zu finden. Ich habe Selbstverantwortung übernommen. und Mädels ja- ich genieße meine Eigenschaften ,wie uneingeschränkte Kreativität, Sinne intensiver wahrzunehmen , schöne Dinge zu fühlen, bevor andere es überhaupt ahnen.

Nimm dir Zeit zum träumen:
Ja ich träume nach wie vor gerne – am liebsten mit offenen Augen und angenehmer Musik im Hintergrund. Ich liebe es in meine Traumwelt zu versinken, rosa Wolken auszumalen und mich einfach mal kurz vom Alltag auszuklinken. Das tut mir gut um in stressigen Alltagssituationen Kraft zu haben.

Schaffe Routine:
Veränderungen sind für mich nach wie vor mit einem sehr unguten Gefühl verbunden und ich versuche sie so gut es geht zu vermeiden. Sowohl jobmässig als auch Privat hab ich viele kleine wiederkehrende Rituale, To Do Lists und Strukturen geschaffen, die mir Sicherheit geben. (ein immer wiederkehrender Dienstplan, meinen Leseabend am Mittwoch, der tägliche Gang zum Bäcker). Außergewöhnliche Termine, Events bringen mich Tage davor schon zum nachdenken und machen mich richtig nervös– ich male mir im Kopf schon aus wie es wird.

Ordne deine Gedanken:
Mir schwirren 10000 Gedanken durch den Kopf. Neue Projekte, die ich in Angriff nehmen möchte, To Dos in der Arbeit, die Einkaufsliste… Mir hilft es sehr meine Gedanken niederzuschreiben und nach einer Prioritäten Liste zu sortieren. Auf Kommentare wie : musst du dir jede Kleinigkeit aufschreiben, höre ich schon lange nicht mehr. Denn ja ich muss: Denn mein Kopf ist ein Karusell, ein Punkt jagt den nächsten.

Partnerschaft:
Viele Männer sind mit diesem Haufen Emotionen überfordert, denn wenn Menschen mit HSP lieben dann richtig und sehr intensiv. Ich würde fast sagen wir sind sogar richtige Beziehungskiller. Ich hätte meinen Schatz am liebsten immer und überall bei mir. Ich hab aber auch gleich von Anfang an mit offenen Karten gespielt und ihm gesagt, dass ich nicht gerade zur leichten Sorte Frau gehöre.

Sage auch mal Nein:
Lange Zeit hab ich immer und überall zugesagt um Konflikte zu vermeiden- auch wenn ich schon im Vorhinein gewusst habe, dass es mir zuviel wird. Inzwischen setze ich Prioritäten und sage auch mal etwas ab. Wie eine Verabredung nach 10 Stunden arbeiten, Kaffee trinken am Sonntag mit der Familie etc- weil ich meine Grenzen kennengelernt habe.

Nimm dir Auszeiten:
Wenn mir alles zuviel wird, nehm ich mir Auszeiten. Meine beiden Männer akzeptieren, dass ich einfach Mal Minuten der Stille brauche um wieder zu mir selbst zu finden. Ich genieße die Einsamkeit, schweigend durch den Wald zu spazieren und einfach den Vögeln beim zwitschern zuzuhören. Orte der Reizüberflutung versuche ich generell so gut wie es geht zu vermeiden. Das geht natürlich nicht immer. Dennoch achte ich besonders drauf, dass nach einem stressigen Tag ein ruhiger Abend folgt.

Mit diesem Blogpost lass ich meine Masken fallen, ja ich trau mich darüber zu schreiben, wie ich wirklich bin und was mich beschäftigt. Lange hab ich überlegt ob ich diesen Post überhaupt veröffentlichen soll – aber ich möchte euch eine kleine Botschaft auf den Weg mitgeben: Beurteilt nie einen Menschen nach dem ersten Eindruck, denn hinter jeder Fassade steckt eine Geschichte. Betittelt nicht gleich einen Menschen als komisch, sondern versucht seine Geschichte zu lesen. Hinter den meisten Geschichten verbergen sich ganz wundervolle Menschen, die es wert sind entdeckt zu werden.